Forschungsprogrammatik

Was ist Wissenschaftsreflexion?

Grafische Darstellung der vier Forschungsschwerpunkte und verbundenen Themengebieten Grafische Darstellung der vier Forschungsschwerpunkte und verbundenen Themengebieten Grafische Darstellung der vier Forschungsschwerpunkte und verbundenen Themengebieten
Wissenschaftsreflexion recognizes science as a way of reflecting on the world, calls for the means of research to be used to reflect on science itself, and conceives of science as an extension of the possibilities for contemplating and discussing how and to what end scientific knowledge should or should not become practical.
Barlösius et al. 2025
Link zur Publikation "Wissenschaftsreflexion: What is it? Why is it needed? Contemporary Challenges for Studies on Science"

Wissenschaftsreflexion bedeutet, über Wissenschaft selbst zu forschen, warum, was und wie erforscht wird, und darüber zu reflektieren, welche gesellschaftlichen Folgewirkungen sich daraus ergeben. An der Leibniz Universität Hannover ist dieser Forschungsschwerpunkt interdisziplinär ausgerichtet. Forschende aus Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, Didaktik und Bildungsforschung arbeiten zusammen, um die Bedingungen, Rolle und gesellschaftliche Verantwortung von Wissenschaft sowie die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber Wissenschaft zu untersuchen. Die Forschungsergebnisse werden mit den verschiedenen Akteuren des wissenschaftlichen Feldes und der breiten Öffentlichkeit geteilt und diskutiert. 

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    Wissenschaftsreflexion ist die Antwort der Forschung darauf, dass in der Wissensgesellschaft Wissenschaft und Gesellschaft in ein Spannungsgefüge gesetzt sind: Einerseits sind Wissenschaft und Hochschule gesellschaftsprägend, für Wirtschaft, Politik, Recht, Medien und selbst für ehemals vollkommen an der Alltagspraxis orientierte Lebensbereiche. Andererseits wird genau diese gestiegene gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft und Hochschule zunehmend kritisch betrachtet: Der Geltung und Verlässlichkeit wissenschaftlichen Wissens wird misstraut; es wird bezweifelt, dass Wissenschaft und Hochschule die in sie gesetzten gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen können und nicht zuletzt werden Wissenschaft und Hochschule gänzlich in Frage gestellt und als "Eliten- bzw. Herrschaftsprojekt" angegriffen.

    Beide Seiten - die Leistungen von Wissenschaft und Hochschule wie auch die Kritik und Einwände gegen sie - gehören zu zusammen, denn ohne ihren Erfolg wären sie nicht Gegenstand solch scharfer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Sie repräsentieren ein Gesamtphänomen: die für die Wissensgesellschaft typischen Strukturen und Legitimationen einschließlich der für sie typischen Konfliktlinien und kritischen Auseinandersetzungen. Genau hier setzt wissenschaftsreflexive Forschung an: Sie will dieses Spannungsgefüge der Wissensgesellschaft systematisch beschreiben, indem sie die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft und Hochschule aufzeigt, die Reflexionspotentiale über die Gestaltungsmöglichkeiten von Wissenschaft und Hochschule vergrößert und praktische Perspektiven für Gestaltung von Wissenschaft und Hochschule und deren Verhältnis zu Gesellschaft, Politik und Wissenschaft aufzeigt.

    Wissenschaftsreflexive Forschung ist integrativ angelegt: Sie umspannt die Vielfalt der Geistes- und Sozialwissenschaften - die Reflexionswissenschaften. Ihre Kernfächer sind Philosophie, Soziologie, Volkswirtschaftslehre, Politik- und Rechtswissenschaft; bei Bedarf werden weitere Fächer einbezogen. Ihre Forschungsgegenstände sind die Generierung wissenschaftlichen Wissens, Institutionen und Organisationen von Hochschule und Wissenschaft, Strukturen und Prozesse der Hochschulbildung und Verflechtungen von Wissenschaft und Hochschule mit anderen gesellschaftlichen Feldern. Die Forschungsgegenstände stammen grundsätzlich aus allen Feldern der Wissenschaft - den Lebens-, Natur-, Technik-, aber auch aus den Geistes- und Sozialwissenschaften selbst. Sofern sie Gegenstand der Forschung sind, bilden sie die Bezugswissenschaften. Charakteristisch für wissenschaftsreflexive Forschung ist, dass Reflexions- und Bezugswissenschaften in gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten.

    Wissenschaftsreflexiven Forschung orientiert sich an drei Leitlinien: Sie forscht konsequent interdisziplinär, um Synthesen zwischen den beteiligten Disziplinen fruchtbar zu machen, verbindet theoretische und empirische Fragestellungen, um theoretische Konzepte und empirische Ansätze stärker aufeinander zu beziehen, und verknüpft deskriptive und normative Forschungsperspektiven um gesellschaftlich fruchtbares Orientierungswissen zu erzeugen.


Forschungsfelder

Wissenschaftsreflexion arbeitet mit einer Heuristik von vier Forschungsfeldern, die quer zu disziplinären Perspektiven liegen und daher interdisziplinärer Forschung förderlich sind. In den Feldern forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedensten Disziplinen zusammen, oftmals über die Geistes- und Sozialwissenschaften hinweg gemeinsam mit Forschenden der Technik- Natur- und Lebenswissenschaften.  

  • Epistemologie

    Die Forschungsperspektive des Feldes ist darauf gerichtet, zu untersuchen, wie sich Forschungsbedingungen und -kontexte auf Art, Inhalt und Verlässlichkeit wissenschaftlichen Wissens auswirken. Zu diesen Bedingungen und Kontexten gehören beispielsweise Vorstellungen von wissenschaftlicher Evidenz und wissenschaftlichem Konsens, Paradigmen und Denkstile, konstitutive Normenkataloge, rechtliche oder institutionelle Regelungen, aber auch Abgrenzungskriterien zu nichtwissenschaftlichem Wissen und nichtwissenschaftlichen Tätigkeiten.

  • Funktionale Differenzierung

    Hier werden Prozesse funktionaler Differenzierung vorwiegend auf zwei Ebenen in den Blick genommen: Auf der ersten Ebene wird das Verhältnis von Wissenschaft und Hochschule zu anderen sozialen Feldern analysiert, welche durch permanenten Kampf um Autonomie und Heteronomie sowie durch „Verhandlungen“ um wechselseitige Leistungs- und Anspruchsverhältnisse charakterisiert ist. Auf der zweiten Ebene werden feld- sowie organisationsinterne funktionale Differenzierungen innerhalb von Wissenschaft und Hochschule untersucht, die einerseits von einem Ringen um mehr Selbstgestaltungsrechte gekennzeichnet sind und andererseits – geradezu entgegengesetzt – aus Bestrebungen bestehen, in die Institutionen und Organisationen von Wissenschaft und Hochschule steuernd einzugreifen.

  • Soziale Differenzierung

    Der Fokus liegt hier auf Prozessen der sozialen Differenzierung durch die Institutionen und Organisationen der Hochschul- und Wissenschaftssysteme. Drei Ebenen der sozialen Differenzierung werden unterschieden: Erstens die Mitwirkung von Hochschule und Wissenschaft an Prozessen der sozialstrukturellen Differenzierung auf der individuellen Ebene durch Weitergabe, Verstärkung und Herstellung ungleicher Bildungs- und Berufschancen. Zweitens Prozesse der sozialen Differenzierung innerhalb der Institutionen und Organisationen von Hochschule und Wissenschaft, z.B. durch die Zuweisung hierarchisierter Positionen mit ungleichen Ressourcen und Reputation. Drittens Differenzierungen des Wissenschafts- und Hochschulsystems auf nationaler wie auch internationaler Ebene, begründet z.B. durch unterschiedliche Reputationszuweisungen. Schwerpunktmäßig befasst sich das Forschungsfeld mit der "zweiten Hochschulexpansion".
     

  • Legimitation und Normativität

    In diesem Feld werden die vielfältigen Normierungs- und Legitimationsprozesse, die innerhalb von Wissenschaft und Hochschule stattfinden oder aber von der Gesellschaft an diese herangetragen werden, analysiert. Dazu werden erstens wissenschaftsimmanente wie auch -externe normative und legitimatorische Vorgaben und Begehren erhoben und gedeutet. Zweitens werden Normierungs- und Legitimationsansätze aus einer eigenen normativen und legitimatorischen Perspektive heraus kritisch reflektiert, begleitet und neu entworfen. Drittens befasst sich das Forschungsfeld mit den regulatorischen Wirkungen, die von Wissenschaft und Hochschule selbst ausgehen und sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser wirksam werden.